Markt Sulzberg

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Sulzberg im Allgäu

Buch der Woche

Roman von Arno Geiger:

“Unter der Drachenwand”

Der Wiener Schriftsteller Arno Geiger, der zuletzt mit einem Buch über die Demenzerkrankung seines Vaters (Der alte König in seinem Exil) große resonanz fand, verwendet in seinem neuen Roman Briefe und Tagebucheinträge aus dem Jahr 1944, um den Fragen nach dem seelischen Überleben in Zeiten des Krieges nachzugehen und rekonstruiert einfühlsam die Gemütslage am Ende des Zweiten Weltkrieges.
Auch beim Tagebuchschreiber Veit Kolbe – 1944 ein gerade 24 Jahre alter, schwer verwundeter Wehrmachtssoldat – scheint mehr als Unterkiefer und Oberschenkel zerfetzt zu sein. Er berichtet von Panikattacken die sich anfühlen, als müsse er unter dem Andrang des Erlebte ersticken. Nach fünf Jahren an der Front empfindet er erst im Genesungsurlaub in Mondsee im Salzburgischen mit voller Wucht die “ganze Traurigkeit seines Lebens und seiner verpassten Jugend”. Heilen wird den Traumatisierten nicht die Wunderpille der Wehrmacht, das Aufputschmittel Pervitin, sondern die junge Frau Margot, die mit ihrem Säugling das Nachbarzimmer in Mondsee bewohnt.
Doch noch ist das Jahr 1944 nicht vorbei. Und als seine Verletzungen verheilt sind, kommt für Veit Kolbe der neue Einberufungsbefehl.
Neben Veit und Margot lässt der Autor weitere Personen erzählen. So die Quartiersfrau mit ihren Durchhalteparolen, ihren Bruder, der sich um Kopf und Kragen redet, eine kinderlandverschickte Schulklasse aus Wien und brieflich Margots Mutter aus dem total zerbombten Darmstadt. Zu den von Krieg und Verfolgung schwer verwundeten Seelen, die ihren Nöten schriftlich Luft machen, gehört auch der jüdische Zahntechniker Oskar mit seinen bestürzenden Briefen.
Die meisten der sympathischen Erzählpersonen sind gegen NS Ideologie und Führerkult immun und die Mitläufer der Nazis haben nur kurze Gastauftritte.
Man stellt sich beim Lesen Fragen nach der eigenen Familiengeschichte – wie haben unsere Eltern und Großeltern das alles aushalten können? Der warmherzige, eindrucksvolle Roman, der nicht versäumt das zeitgeschichtliche Panorama mit zu erzählen, gibt darauf manche Antwort.