Markt Sulzberg

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Sulzberg im Allgäu

Buch der Woche

Wiederentdeckung: "Der Reisende"

Der deutsch-jüdische Autor Ulrich Alexander Boschwitz (1915 – 1942) hat “Der Reisende” in nur wenigen Wochen unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Novemberprogrome von 1938 geschrieben und 1939 in England – im Exil – veröffentlicht.

Eine Überarbeitung für die deutsche Fassung des Romans ging verloren, als 1942 das Schiff, auf dem sich der Autor mit 361 anderen Passagieren befand, von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt wurde. Knapp 80 Jahre danach erschien der Roman nun auf Deutsch, lektoriert und herausgegeben von Peter Graf.

Hauptfigur ist Otto Silbermann, ein wohlhabender jüdischer Kaufmann, der im Ersten Weltkrieg auf der Seite des Kaiserreichs gekämpft hat: ein deutscher Großbürger, für den die eigenen jüdischen Wurzeln nie von Belang waren. Doch mit der Machtübernahme der Nazis zerfällt Silbermanns Welt plötlich in Juden und Nicht-Juden. Eine demütigende Flucht durch Deutschland, seine Heimat, die ihm fremd geworden ist, beginnt. Immer in Bewegung, gehetzt und rastlos, ist das ausweglose Hin und Her am Ende der Reise nur noch Ausdruck zunehmender Verzweiflung.

Silbermann ist kein Held, sondern moralisch widersprüchlich und eben deshalb überzeugender Charakter – selbstlos und großzügig, aber auch knallhart und egoistisch. Ein Mensch mit nur einem Ziel: überleben.

In den wenigen Tagen des Unterwegsseins verliert Silbermann alles, was seinem Leben einen Sinn gab.

Ein Buch, das zur rechten Zeit daran erinnert, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein.